Jürgen Schriefer

6. März1929 – 23. Oktober 2014

 

Über die Entwicklung der Schule der Stimmenthüllung

nach dem Tode ihrer Begründerin

Die weitere Entwicklung und Ausbreitung der Schule der Stimmenthüllung ergab sich
wesentlich durch die Tätigkeit von Jürgen Schriefer.

„Ab dem Jahr 1968…arbeitete Valborg Svärdström-Werbeck mit Aufbietung aller ihrer Kräfte an der Übergabe ihres Lebenswerkes. Ja, sie ging so weit, ihre Patienten größtenteils fortzuschicken, weil sie nun alle Kraft für diese Arbeit benötigte. Noch vier Jahre gönnte ihr das Schicksal für diese letzte Aufgabe. Sie überwachte noch die anfängliche Unterrichtstätigkeit des Jüngeren, setzte seine verantwortliche Nachfolge in der Leitung dieser Schule ein und regelte auch testamentarisch alles in diesem Sinne.“

Nach dem um die Jahreswende 1971/72 die (von ihr komponierte) «Kleine Messe» von den zuletzt anwesenden Schülern einstudiert und für sie gesungen worden war, hatte sie den Eindruck, alles Notwendige gegeben zu haben. Sie starb drei Wochen später am 1. Februar 1972, 92-jährig in Eckwälden bei Stuttgart.

Der oben erwähnte „Jüngere“, Jürgen Schriefer, war nach seinem Studium als Kirchenmusiker und Komponist schon 1958 als Musiklehrer nach Eckwälden gekommen. Von Frau Werbeck-Svärdström erfuhr er allerdings eher zufällig erst am Ende seiner damaligen Mitarbeit am „Institut Eckwälden“ ohne ihr damals schon persönlich zu begegnen.

Seine weitere Tätigkeit führte ihn an die „Rudolf Steiner Schule Ruhrgebiet“ in Bochum, wo er den Fachbereich „Musik“ aufbaute, ja eigentlich die neu gegründete Schule in allen Altersstufen und zu allen Festen musikalisch aufleben ließ.

Dies hier zu erwähnen, scheint deshalb wichtig, weil sich aus dieser tiefen Verbundenheit mit der damals in ganz Europa aufblühenden Waldorfschul-Bewegung eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Entwicklung der Schule der Stimmenthüllung ergeben sollte.

Zunächst sei jedoch noch einmal auf die Zeit der Übergabe der Schulung durch die Meisterin an Jürgen Schriefer und die kleine Gruppe jüngerer Sänger-Persönlichkeiten geblickt.

Die einst in ganz Europa gefeierte Künstlerin lebte Ende der 60-er Jahre vollkommen zurückgezogen und wohl auch resigniert in ihrem kleinen Haus in Eckwälden, wo sie sich in Zusammenarbeit mit einigen Ärzten um ihre Patienten kümmerte. Rudolf Steiner hatte ihr einmal gesagt, dass sie erst im hohen Alter Verständnis finden würde; was ihr aber ganz unwahrscheinlich vor kam, denn gerade Erfahrungen mit Musikern hatte sie skeptisch werden lassen. In der ebenfalls in Eckwälden angesiedelten Heilmittel-Produktionsstätte der Firma Wala hatte man von ihr jedenfalls kaum Kenntnis genommen.

Eine der Gründer-Persönlichkeiten der Wala hatte aber eine tiefe Beziehung zur Musik und so spielte Richard Wagners „Parsifal“ damals eine wichtige Rolle im internen kulturellen Leben der Firma. Besonders die Geheimnisse der Stoffumwandlung in der Karfreitags-Szene wurden immer wieder eingehend studiert. In der Vorosterzeit 1966 lud man nun Jürgen Schriefer zu einer Einführung in dieses Werk ein. Er hatte schon fünf Jahre an der Bochumer Waldorfschule unterrichtet und dort mehrmals zum krönenden Abschluss der Musikepoche der 11. Klasse diesen Inhalt mit den Schülern durchgenommen. Die Darstellung in der Wala nahm drei Abende in Anspruch und muss die Zuhörer sehr bewegt haben. – Eine der Zuhörerinnen, die Frau Werbeck-Svärdström kannte, ging nun erfüllt von dem Erlebten zu ihr und äußerte sich etwa wie folgt: “Sie haben viele Male mit Rudolf Steiner sprechen und dadurch unendlich Wertvolles, Richtungsweisendes für die Musik erfahren dürfen. Nun aber lassen Sie die Jüngeren, die Ihre Hilfe dringend benötigen würden, in ihrem Ringen und Streben auf musikalischem Gebiete vollkommen allein.“

Eine solche Äußerung war Frau Svärdström-Werbeck noch nie entgegengebracht worden! – Sie stellte die skeptische Gegenfrage, ob denn die jüngere Generation ihrer Arbeit Verständnis entgegen bringen würde? – Die oben genannte Zuhörerin, Johanna Iderhoff, war vollkommen überzeugt davon. (Sie unterstützte die weitere Entwicklung der Schule der Stimmenthüllung mit vollem Einsatz bis in ihr höchstes Alter.)

Nach einiger Zeit kam dann an Jürgen Schriefer die Frage, ob er bei einer Demonstration des heilenden Gesanges die Begleitung am Klavier übernehmen könne. So ergab sich schließlich die erste und alles entscheidende Begegnung. Denn Jürgen Schriefer äußerte sich erstaunt über die Wahrnehmung der vernommen Töne, dass die ätherische Qualität der Töne für sehr kleine Kinder etwas ganz besonders Schönes, Belebendes bedeuten müsste.

In der daraufhin beginnenden Arbeit äußerte Frau Werbeck schon in einer der ersten Stunden einen Satz, der Jürgen Schriefer recht erschreckte. Später formulierte sie das selber wie folgt: „Ich hörte mich sagen: `Wenn Sie diese Arbeit nicht weiter tragen, so ist sie mit meinem Tode von der Erde verschwunden.´“

Jürgen Schriefer schilderte später wiederholt, wie er Richard Wagner gleichsam als Helfer bei diesem dramatischen Geschehen empfunden habe.

Nun war Jürgen Schriefer zu Beginn dieses völlig neuen Lebensabschnittes und Weges über diese Vorgänge tief beunruhigt und rief deshalb Prof. Karl von Baltz an, der damals am Goetheanum die Sektion für Redende und Musikalische Künste leitete. – „Frau Svärdström-Werbeck wolle, dass er ihre gesangliche Schulung weitertrage, er sei doch aber gar kein Sänger!“– Zu seiner vollkommenen Überraschung antwortete Prof. von Baltz ganz knapp: „Das ist es ja gerade!“ Professor von Baltz hatte sofort verstanden, dass ohne eine gegebene Naturanlage zum Gesang das Essentielle dieser Schulung unter Umständen klarer und bewusster erfasst werden konnte, als durch ein geborenes Gesangsgenie.

Aufgefordert und auch noch betreut durch Frau Werbeck-Svärdström begann so im Jahr 1970 Jürgen Schriefer bei ersten Kursen in der Schweiz selber zu unterrichten. Und als im Jahr 1972 die Einsicht wuchs, dass neben dem vollen Schuldienst nichts wesentliches für den neuen Gesangsimpuls würde geleistet werden können, gab das Kollegium der Bochumer Schule Jürgen Schriefer für die zwei Jahre, um die er gebeten hatte, völlige Freiheit. – Er kehrte aber nie mehr zurück und die Arbeit entwickelte sich ganz anders als geplant, nicht mit dem Unterrichten einzelner Schüler, sondern im Wahrnehmen einer sich immer weiter ausdehnenden Reisetätigkeit.

Die erste Einladung kam aus Schweden, der Heimat der Meisterin und konnte deshalb natürlich nicht ausgeschlagen werden. Es ergaben sich dadurch tiefere Einsichten in die Biographie der Meisterin, von ihrer Beziehung zu Alice Tegner und Selma Lagerlöf und dem schwedischen Komponisten Hugo Alvén, der Valborg Svärdström die „Seele seiner Musik“ genannt hatte.

Bald folgten auch Einladungen nach Norwegen und Finnland. Und schließlich war es Ernst Weißert, der Jürgen Schriefer in die Mitarbeit bei den Lehrertagungen in Stuttgart und an das Lehrer-Seminar berief. Ernst Weißert hatte Jürgen Schriefer schon 1966 bei der Einweihung des Neubaus der Bochumer Schule wahrgenommen, bei der dieser mit dem Schul-Chor und dem Schul-Orchester den „Messias“ von Händel aufgeführt hatte und vertraute ihm daher vollkommen.

Jetzt eröffnete sich die Möglichkeit zu vielfältigen Begegnungen mit Persönlichkeiten der deutschen Waldorfschul-Bewegung, was natürlich zu immer weiteren Einladungen in immer mehr Schulen, dann auch in die heilpädagogischen Einrichtungen der Camphill-Bewegung in Deutschland und auch in Schottland führte.

Dann kam die Einladung in die Schweiz, wo auf Einladung von Ernst Bühler, dem Leiter der „Freien Pädagogischen Vereinigung“ eine mehrmals jährlich stattfindende Arbeit mit bedeutenden Chorleitern und hervorragend begabten Sängern begann. In der intensiven Arbeit mit den Pädagogen und Sängern der Schweiz fühlte sich Jürgen Schriefer, wie er es selbst ausdrückte, wie mit einer neuen Heimat beschenkt.

Etwa ab 1971 nahm Jürgen Schriefer regelmäßige Reisen in die DDR auf. Wolfgang Strübing, der schon sein Gesangsstudium hinter sich hatte, ergriff den musikalisch-gesanglichen Impuls mit besonderer Intensität. Die Unterrichte mussten an geheimen Orten stattfinden und vermochten in der damaligen geistigen Bedrängnis vielen Menschen neuen Antrieb zu geben. So bildete sich ein Chor, der mit eiserner Konsequenz gerade auch die leisen Töne erübte und schließlich bei Konzerten an die tausend Zuhörer vereinigte. Mit der „Wende“ 1989 erübrigten sich die Besuche von Jürgen Schriefer, – die Arbeit war selbständig geworden.

Aus der Zusammenarbeit mit Julius Knierim in dem von diesem 1970 gegründeten „Wanderstudiums für Musik“ ergab sich für die Ausbreitung der Schule der Stimmenthüllung eine außerordentlich wichtige Konstellation der persönlichen Beziehungen von Unterrichtenden und Studenten.

Die in diesem originellen Zusammenhang studierenden jungen Menschen kamen nicht aus dem Bereich der Waldorfpädagogik, sondern folgten in der Aufbruch-Stimmung dieser Jahre ihrem Suchen nach neuen musikalischen Möglichkeiten. Sie zogen jeweils zu zweit von Dozent zu Dozent, um dort in den jeweiligen Lebens-Zusammenhängen zu leben und zu lernen.

So befruchteten sich die gesanglichen Impulse der Schule der Stimmenthüllung gegenseitig mit den Impulsen zur Improvisation von Pär Ahlbom in Schweden und durch Julius Knierim in Hepsisau mit dem Leier-Impuls, sowie mit den Forschungen für den Instrumentenbau der Choroi-Bewegung, damals mit Norbert Fischer aus Holland und ebenso mit den Forschungen von Manfred Bleffert, der Plastisch-Musikalischen Arbeitsstätte in Heiligenberg.

Durch die kreative Arbeit dieser Dozenten und durch den besonderen Enthusiasmus der beteiligten Studierenden wurde die Schule der Stimmenthüllung sowohl in ihrer Verbreitung, als auch in ihrer Einbeziehung in vielfältige musikalische Arbeits- und Forschungs- Felder und in bedeutende zukunftsvolle Fragestellungen mit aufgenommen.

Überall bildeten sich nun um gesanglich begabte und interessierte Menschen Üb-Gruppen und auch Zentren, die schließlich von Jürgen Schriefer nicht mehr rhythmisch wiederkehrend zu betreuen waren.

Schon unmittelbar nach dem Tod von Frau Svärdström-Werbeck wurde in Eckwälden jeweils in der Kar-Woche ein Treffen der Schüler des neuen Gesangs-Impulses initiiert. 33 Jahre lang wurde diese Zusammenkunft durchgeführt, und schon anfangs der achtziger Jahre war der Kreis der Sängerinnen und Sänger auf über hundert angewachsen. Viele hatten die Schule der Stimmenthüllung bei Kursen von Jürgen Schriefer in den Waldorfschulen oder bei den pädagogischen Tagungen kennengelernt. Manche waren als Musiklehrer oder auch als Sänger ausgebildet und so gewann der Chor bald eine beachtliche Stärke und Ausdruckskraft. Bei diesen Tagungen in Eckwälden vollzogen sich für die Mitwirkenden wesentliche Schulungs-Prozesse.

Im Laufe der Jahre hatte Jürgen Schriefer nach und nach die `Zwölf Stimmungen´, die sogenannten Tierkreis-Sprüche von Rudolf Steiner komponiert und damit dieses zentrale Schulungs-Material für den Gesang erschlossen. Was Rudolf Steiner im Vortrag vom 2. Dezember 1922 zur Vorbereitung des Konzertes von Valborg Werbeck-Svärdström im ersten Goetheanum ausgeführt hatte, – wie sich im Kosmos die Sphären-Klänge der Planeten durch die verschiedenen Bereiche des Tierkreises differenzieren – , wurde nun das wesentliche Übungsmaterial für die Schulung.- Die Üb-Arbeit war ungeheuer intensiv! Jede Silbe sollte im Klangstrom als Lautgestaltung plastisch erscheinen und wurde dem Chor unerbittlich abverlangt.

Die auf diese Weise erreichte Qualität des Chores bildete schließlich eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung.

Im Zusammenhang mit den Kursen im Heilpädagogischen Institut Föhrenbühl am Bodensee begegnete Jürgen Schriefer um 1978 dem Violinisten Miha Pogacnik, der ihn sogleich für seine Unternehmungen gewinnen wollte. Die Zusammenarbeit kam aber erst 1981 beim ersten Idriart-Festival in Chartres zustande, bei dem Jürgen Schriefer vor mehr als 1000 Zuhörern eine Einführung in das letzte Werk Johann Sebastian Bachs „Die Kunst der Fuge“ gab. Diese Werk gehörte seit seiner Jugend zu seinen tiefsten Studien-Objekten und in der Bochumer Schule wurde es regelmäßig „gepflegt“, und so fühlte sich Jürgen Schriefer verpflichtet, auch hier mitzuwirken.

Beim dritten Idriart-Festival in Chartres 1983 sang nun der oben erwähnte, in Eckwälden vorbereitete Chor, die Tierkreis-Komposition mit den Worten Rudolf Steiners „in kosmischer Größe und Würde“ in der Kathedrale von Chartres! Die Zuhörer kamen aus ganz Europa und auch aus Übersee. Und so entstanden neue Beziehungen, besonders auch nach England, in die USA und nach Brasilien. Damit begann nun eine neue Welle der Ausbreitung der Schule der Stimmenthüllung.

Zu den regelmäßigen Kursen in Norwegen, Finnland und Schweden und der Schweiz kamen ab 1980 die Reisen nach Amerika zu Kursen im Rudolf Steiner College in Sacramento und nach Israel, dazu dann in der Sommerzeit die Reisen zu den Idriart-Festivals, 1985 und 1987 nach Brasilien, wo intensive gesangliche Tagungen stattfanden.

In vielen dieser Kurse hatten die Teilnehmenden wichtige Aufwach-Erlebnisse, die oft bis heute unvergessen nachwirken und treue und immer weiter übende und auch forschende gesangliche Wege eröffneten.

So kann man sagen, dass eine erste Wachstums-Bewegung der Schule der Stimmenthüllung auf dem Boden der Waldorf-Schul-Bewegung entstand und nun eine zweite, räumlich bis nach Russland, in die Mongolei, ja bis nach China und bis nach Südamerika reichende Ausdehnung dann zusammen mit dem Idriart-Impuls – „Völkerverständigung durch Musik“ – möglich wurde.

Dieses Hineinstrahlen der Schulung in die Welt brachte auch immer wieder die Frage nach dem grundlegenden Buch von Valborg Werbeck-Svärdström mit sich. Und so entstanden im Laufe der Jahre die Übersetzungen, zuerst in die englisch Sprache, dann in die schwedische, die hebräische, holländische, französische, portugiesische (für Brasilien), die russische und zuletzt auch in die italienische Sprache.

1982 wurde in Bochum ein Förderverein gegründet, der viele der genannten Unternehmungen maßgeblich unterstütze und ermöglichte.

Zu der immer weiter sich ausdehnenden Bekanntheit der Schule der Stimmenthüllung ergab sich notwendig auch die Bildung von Arbeits-Zentren, in denen die gesangliche Arbeit kontinuierlich und in steter Vertiefung gepflegt wurde. Christa Waltjen, die als schon erfahrene Sängerin selber noch bei Frau Werbeck-Svärdström Unterricht hatte, bildet bis heute ein solches Zentrum in Bochum, aus dem viele der heute tragenden Persönlichkeiten der folgenden Generation hervor gingen.

Weitere Zentren entstanden in der Schweiz durch Marianne Prato, in Holland durch Margit Schermann, in Schweden durch Senekka Mikkola und in Finnland entstand durch Christiaan Boele nach 1987 eine eigentliche Gesangsschule der Schule der Stimmenthüllung, die heute in zwei Strömungen weitergeführt wird.

Auch wurden Schülerinnen und Schüler aus den früheren Schaffensperioden von Valborg Werbeck-Svärdström als Unterrichtende (wieder) aktiv: Gisela Friebe in Kassel, Marga Faig, die Tochter von Frau Werbeck in Eckwälden und Hermann Birkenmeier in Frankreich. Durch seine Initiative entstand dort eine regelmäßige Arbeit, die bis heute weiter getragen wird und die zu der Bildung eines internationalen Chores von französischen, schweizerischen und holländischen Sängern geführt hat.

Neben der künstlerischen Arbeit an den Tierkreis-Kompositionen war ab 1984 ein weiteres Werk für die Schulung der Sänger von hervorragender Bedeutung. Ernst Pepping, der Schöpfer dieses Werkes gilt als der größte A-cappella-Chorkomponist des 20. Jahrhunderts. Sein doppelchöriges Werk, der „Passions-Bericht des Matthäus“, forderte nun wirklich jeden der Mitwirkenden bis an seine Grenzen. Viele konnten nach den über mehr als eine Woche dauernden, stundenlangen Proben kaum mehr schlafen, weil sie von der ungeheuer starken Vertonung der Passions-Texte bis in ihr Innerstes aufgerührt waren. Die Aufführung im Goetheanum im Jahr 1985 bezeichnete Jürgen Schriefer als das „in mehrfacher Hinsicht anstrengendstes Dirigat seines Lebens“ – Für viele Mitwirkenden und für manchen Zuhörer war es das tiefste Musikerlebnis des Lebens.

Beim Jubiläums-Festival in Chartres 1993 konnte der Chor, jetzt verstärkt durch die Sänger aus dem Osten Deutschlands, dieses Werk noch einmal, diesmal in der Kathedrale aufführen. Die Gruppe der oben erwähnten französischen Sänger half bei der Vorbereitung des Festivals und besonders für die Organisations-Belange des Chores entscheidend mit. – Man konnte die Empfindung haben, als ob von weit überschauendem Bewusstsein alles schon Jahre voraus auf wunderbare Weise in die Wege geleitet worden war…

In den darauf folgenden Jahren nahm bei den Sängertreffen in Eckwälden die Auseinandersetzung mit den von Kathleen Schlesinger erforschten altgriechischen Skalen und der damit verbundenen Forschung von Heiner Ruland einen bedeutenden Raum ein. So verband sich durch diese Arbeit die Schule der Stimmenthüllung auch mit diesem von Valborg Werbeck-Svärdström selbst auch als bedeutend aufgenommenen Zukunfts-Impuls der Musik.

Die Leitung der künstlerischen Arbeit lag nun in den Händen von Holger Lampson, unterstützt von Heiner Ruland am Viertel-Ton Klavichord.

Holger Lampson war in diesen Jahren außerdem mit dem Aufbau seines Institutes, des „Musikseminar Hamburg“ beschäftigt. In der Stadt des frühen Wirkens von Frau Werbeck-Svärdström entstand unter seiner Leitung ein Ausbildungs-Ort basierend auf den von ihm erarbeiteten gesangs-pädagogischen Gesichtspunkten. Unter dem späteren Namen „Schnittke-Akademie International“ war sie für junge und begabte Sänger und Sängerinnen bis zum völlig unerwarteten Tode von Holger Lampson 2014 ein vorbildlicher Ausgangsort für die weiteren Wege in die Welt des professionellen Singens.

Wenn man nun fragt, was denn eigentlich das Singen im Sinne der Schule der Stimmenthüllung unterscheidet vom Singen „herkömmlich“ ausgebildeter Sänger, so kann mit den Worten von Valborg Webeck-Svärdström geantwortet werden: „Unsere Töne sind immer umhüllt von Luft!“

In knappster Form ist damit ausgedrückt, was Rudolf Steiner für die Gesangspädagogik angeregt hat: „ … Erstens wird sich ergeben für die Gesangspädagogik der Grundsatz, dass man ein Bewusstsein hervorrufen muss bei dem Singen-Lernenden von dem Anteil, den der Ätherleib dabei hat. Gleichsam von dem fortwährenden Überleiten der Töne auf den Ätherleib. Erst dann, wenn diese Anteilnahme des Ätherleibes beim Singen in Betracht gezogen werden wird, wird auch jener Umwandlungsimpuls eintreten, der mit Bezug auf die Gesangspädagogik notwendigerweise aus unseren Prinzipien erfolgen muss. Praktisch gesprochen wird sich das darin zeigen, dass die Gesangslehrer- und lehrerinnen den Schüler immer mehr dahin bringen werden, weniger mit Bewusstsein zu verbinden das Gefühl in den physischen Organen, dafür aber mehr Bewusstsein zu entwickeln in dem, was gewissermaßen diesen physischen Organen anliegt. Der Singende muss ein Gefühl haben, nicht so sehr von der Bewegung der Organe, sondern von dem, was die Luft in ihm und um ihn in ihrer Bewegung tut. Eine Emanzipation des Erlebens des Tones in der Luft von dem Erleben des Tones im Organe ist dasjenige, was aus dem richtigen Erkennen der geisteswissenschaftlichen Grundsätze in der Gesangspädagogik folgen wird.“

Nun kann man sagen, dass gewiss jeder wirklich bedeutende Sänger dieses Überleiten des Tones beherrscht. Mit ihrem Buch, „Die Schule der Stimmenthüllung“ hat Valborg Werbeck-Svärdström eine geisteswissenschaftliche Menschenkunde des singenden Menschen aufgezeigt. Diese Menschenkunde des Gesanges richtet sich an den modernen, mit der Bewusstseins-Seele begabten Menschen und eröffnet damit die Möglichkeit zu einer bewussten Schulung in diesem Sinne.

Mit dem Untertitel ihres Buches, „Ein Weg zur Katharsis in der Kunst des Singens“, ist zudem ein wichtiger Hinweis auf die moralische Dimension der Arbeit gegeben, die notwendig mit dieser Schulung verbunden ist.

Es zeigt sich im Rückblick, dass durch die großen musikalischen Anforderungen und auch durch die Inhalte der genannten Werke, die in der Stimme wirksamen Tiefenkräfte des Logos aufs Stärkste angesprochen wurden, um so durch den Gesang die Quelle des Musikalischen selbst in den Schülern zu wecken.

Nach dem 2. Weltkrieg hatte Valborg Werbeck-Svärdström in ihrem Verhältnis zum Kultur-Leben in Deutschland vollkommen resigniert. – Wie hatte diese Katastrophe im Lande der Dichter, Philosophen und Musiker geschehen können!? – Angesichts der allgemeinen Zerstörung ließ sie Musiker gar nicht mehr an sich heran kommen und widmete fortan alle ihre Kräfte den kranken Menschen.

Nun ergab es sich, dass eine ihrer ehemaligen Patientinnen, zu einer langjährigen Schülerin geworden und selber schon in einem medizinischen Beruf ausgebildet, Helga Lausmann, ab dem Ende der siebziger Jahre in Dortmund ihre Arbeit als Gesangstherapeutin begann. Bald bildete sich um sie herum ein Arbeitskreis mit jüngeren, an dieser Therapie interessierten Menschen, darunter begleitend die Ärztin und Weggefährtin von Frau Werbeck-Svärdström, Dr. Ute Gerlach. Während vieler Jahre traf man sich regelmäßig mit dem Arbeitskreis, der von Arnold Dorhout Mees fast gleichzeitig in Holland gegründet worden war zu einer forschenden und immer begeisternden Zusammenarbeit.

Es begann damit eine dritte Strömung, die neben den zwei oben genannten, `dem nach innen führenden Weg´ folgte und dabei die von Frau Werbeck-Svärdström mit Hilfe von Rudolf Steiner begründete Gesangstherapie weiter erforschte und entwickelte.

Schon 1982 wurde von diesem Kreis in Dortmund eine erste Tagung für Gesangstherapie organisiert, die bis heute jährlich weiter geführt wird. Durch die oben beschriebene Ausbreitung des Impulses der Schule der Stimmenthüllung wuchs diese Tagung schnell, besonders in den Jahren, als sie in Holland stattfand.

Seit 2001 werden in einer Ausbildung für Gesangstherapie entsprechend vorgebildete Sängerinnen und Sänger in diese Gesangstherapie eingeführt. Der Impuls dazu kam von Sängerinnen aus den USA, die dort von der Arbeit gehört hatten. So fing der erste Kurs unter der Leitung von Thomas Adam an der Ostküste Amerikas, in Silver Spring bei Washington DC an. Ausbildungen in Hamburg, in Brasilien und Chile in der „Escola Raphael de Canto e de Cantoterapia“ und in Langenberg, Deutschland folgten.

In der Konferenz der Dozenten für Kunst-Therapeutische Anthroposophische Ausbildungen konnte im Januar 2014 die Gesangstherapie und ihre Ausbildung dargestellt werden. Ziemlich genau 90 Jahre nach der letzten Unterredung mit Rudolf Steiner am 5. Januar 1924, bei der er Frau Werbeck autorisiert hatte, die Gesangspädagogik auf anthroposophischer Grundlage zu vertreten, wurde nun ein daraus hervorgehendes Berufsfeld als erste Berufsbegleitende Weiterbildung von der Medizinischen Sektion am Goetheanum offiziell anerkannt.

Die Tagung der Sektion für Redende und Musikalische Künste mit dem Titel „Die Welt des Singens“ im August 2012, die über 300 am Gesang Interessierte im Goetheanum in Dornach versammelt hatte, ließ für die Schule der Stimmenthüllung wichtige Zukunftsfragen deutlich hervor treten: Werden diejenigen, die jetzt den Impuls tragen zu einer Zusammenarbeit finden, in der sie ihre Fragen in einer nur in der Gemeinschaft zu erreichenden Objektivität klären können? Kann damit einer zukünftigen Generation der Schatz der individuellen Erfahrungen als ein methodischer Überblick über die Schulung weiter gereicht werden?

Verbirgt sich in diesen Fragen in verwandelter Form die Frage des am Anfang erwähnten Parsifal? – Wenn sie gelöst wird, besteht die Hoffnung, dass heilende Kräfte selbst in das Gebiet des Gesanges einfließen und so die Schule der Stimmenthüllung einen Beitrag zur allgemeinen Kulturentwicklung geben könnte.

Thomas Adam

 

Eine `Biographische Skizze´ in der auch die Lebensjahre von 1929 bis 1968 dargestellt sind, sind im Privatdruck zu beziehen bei Thomas Adam:
to_adam@t-online.de

Die hier zitierten Stellen, stammen aus einem Arbeitsbericht von Jürgen Schriefer zum 30. Todesjahr von Valborg Werbeck-Svärdström, veröffentlicht als Privat-Druck im Februar 2004.

„Institut Eckwälden“: ein Heil- und Erziehungsinstitut für Seelenpflege-bedürftige Kinder

„Des Menschen Äußerung durch Ton und Wort“, Vortrag von Rudolf Steiner in Dornach am 2. 12. 1922, enthalten in GA 283

IDRIART – `Initiative for the Development of Intercultural Relations´ gegründet 1981 von Miha Pogacnik.

Verein zur Förderung der Schule der Stimmenthüllung; www.schule-der-stimmenthuellung.de

Rudolf Steiner, Wege der Geistigen Erkenntnis, und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung

GA 161, 1.Vortrag, Seite 23

Der Autor dieses Berichtes, Thomas Adam, nahm seit 1975 selbst an vielen Tagungen und Konzerten der Schule der Stimmenthüllung als Mitwirkender und auch als Organisator teil. Seit 1979 arbeitet er als Gesangstherapeut in Bochum und leitet die Ausbildung für Gesangstherapie.